Der aktuelle Stand von CSR in Deutschland

Meinung und Feedback zum CSR von WER-BEN | Benjamin Schlüter

Als Teilnehmer an einem Seminar, das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales und dem Europäischen Sozialfonds zur Förderung von Corporate Social Responsibility (CSR) organisiert wurde, fiel mir auf, wie wenig Deutschland noch immer über die Möglichkeiten dieses Konzepts weiß. Bereits am zweiten Tag fehlten einige Unternehmen, was zeigt, wie gering das Interesse oder die Einsicht in die Bedeutung von CSR ist. Viele Unternehmer haben zwar schon einmal von CSR gehört – sei es als „Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen“ oder „Soziale Verantwortung der Unternehmen“ –, doch der Begriff hat sich in ihren Köpfen bis heute nicht richtig verankert.

Aus meiner Sicht stellte sich mir damals eine zentrale Frage: „Kann CSR auch als One-Man-Show umgesetzt werden?“ Diese Frage war ungewöhnlich, aber keineswegs unbegründet, denn sie spiegelt meine Überlegungen wider, wie kleine Unternehmen oder Einzelunternehmer dieses Konzept nutzen können. Für mich geht CSR weit über das Polieren des Images oder die Verwendung als Marketingstrategie hinaus. Es handelt sich um die Entwicklung einer nachhaltigen Unternehmenskultur, die von innen – durch Mitarbeiter und Geschäftsprozesse – nach außen wirkt und als Vorbild für die Gesellschaft dient. Ein BIO-Label auf einem Produkt mag attraktiv wirken, macht es jedoch nicht automatisch zu einem Beispiel für echtes CSR.

Erfahrung von CSR-Mittelstand.de

Insbesondere Großunternehmen setzen CSR bereits gezielt ein, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Aber auch aus den Reihen der kleinen und mittelständischen Unternehmen gibt es immer mehr Vorreiter, die den strategischen Nutzen von CSR erkannt haben, dieses passgenau anwenden und zielgruppengerecht an ihre Kunden und Partner kommunizieren.

Trotzdem fehlt oftmals im Mittelstand die strategische Ausrichtung dieser Aktivitäten am eigentlichen Kerngeschäft, welche Voraussetzung für den mittel- und langfristigen Erfolg dieser Maßnahmen für das Unternehmen und die Gesellschaft ist. Die Gründe dafür liegen meist im mangelnden Informationsstand, welche Möglichkeiten dieses Konzept – über Sponsoring hinaus – bieten kann und wo der wirtschaftliche Nutzen dieser Maßnahmen liegt. (Quelle: CSR-Mittelstand.de)

Einführung und Ursprünge von CSR in Deutschland

Das Konzept der CSR, verstanden als gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen, hat in Deutschland Wurzeln, die über 100 Jahre zurückreichen. Bereits im 19. Jahrhundert, während der Industrialisierung, übernahmen Unternehmer soziale Verantwortlichkeiten, wie den Bau von Wohnhäusern, Schulen oder Kultureinrichtungen für ihre Mitarbeiter. Diese frühen Initiativen wurden oft als Ausdruck von „Corporate Citizenship“ gesehen und legten den Grundstein für spätere sozialstaatliche Errungenschaften wie das duale Ausbildungssystem oder soziale Sicherungssysteme. Der moderne Begriff CSR gewann jedoch erst ab den 1970er Jahren an Bedeutung, als Umweltschutz und ethisches Wirtschaften stärker in den Fokus rückten, etwa durch das Bundes-Immissionsschutzgesetz. Internationale Impulse, wie die OECD-Leitsätze von 1976 (später mehrfach überarbeitet) und die ISO-Norm 26000 von 2010, trugen zur Formalisierung bei.

Ein entscheidender Schritt erfolgte 2001 mit dem ersten Grünbuch der Europäischen Kommission, das CSR als freiwillige Verantwortung für soziale und ökologische Auswirkungen definierte. In Deutschland unterstützte die Bundesregierung diese Entwicklung aktiv, insbesondere seit der Veröffentlichung des nationalen Aktionsplans Wirtschaft und Menschenrechte (NAP) am 6. Oktober 2010. Dieser Aktionsplan legte Ziele und Maßnahmen fest, um CSR in Unternehmen zu verankern, wobei die Förderung durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds eine zentrale Rolle spielte. Bis 2017 wurde die freiwillige Berichterstattung vieler DAX-Unternehmen durch eine gesetzliche Pflicht für bestimmte Unternehmen ergänzt, was CSR stärker institutionalisiert hat.

Stand vor der Pandemie

Vor der COVID-19-Pandemie (also bis Anfang 2020) hatte sich CSR in Deutschland als zentraler Bestandteil unternehmerischer Strategien etabliert, hauptsächlich bei großen Unternehmen und Konzernen. Viele Firmen integrierten CSR in ihre Geschäftsprozesse, etwa durch Nachhaltigkeitsberichte, die auf Richtlinien wie die der Global Reporting Initiative (GRI) basierten. Der Fokus lag auf Themen wie Umweltschutz, Arbeitsstandards in Lieferketten und Mitarbeiterzufriedenheit. Der CSR-Preis der Bundesregierung, seit 2013 vergeben, unterstrich den wachsenden Stellenwert fairer Geschäftspraktiken. Dennoch blieb die Akzeptanz bei kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) sowie die allgemeine gesellschaftliche Wahrnehmung begrenzt. Kritiker bemerkten, dass CSR oft als Marketinginstrument wahrgenommen wurde, etwa durch „Greenwashing“, wo Unternehmen ihre Nachhaltigkeit übertrieben darstellten, ohne tiefgreifende Veränderungen umzusetzen. Studien und Berichte deuteten darauf hin, dass die Umsetzung von CSR ungleich war, mit einem starken Fokus auf große, exportorientierte Firmen, während KMU oft überfordert oder uninformiert blieben.

Entwicklung nach der Pandemie

Seit Ausbruch der COVID-19-Pandemie im Frühjahr 2020 hat sich der CSR-Fokus in Deutschland verschoben. Die Pandemie hat die Bedeutung von Resilienz und sozialer Verantwortung verdeutlicht, insbesondere durch Lieferkettenunterbrechungen und den Bedarf an flexiblen Arbeitsmodellen. Unternehmen haben ihre CSR-Strategien angepasst, etwa durch verstärkte Unterstützung gemeinnütziger Organisationen (z. B. Spenden an Tafeln oder virtuelle Projekte) und die Integration von Gesundheits- und Klimathemen. Das Lieferkettengesetz (LkSG), das 2021 in Kraft trat und 2023 vollständig umgesetzt wurde, zwingt Unternehmen, Menschenrechte und Umweltstandards in ihren Lieferketten zu überprüfen, was CSR stärker verpflichtend macht. Gleichzeitig hat die Pandemie die Digitalisierung vorangetrieben, was neue Chancen, aber auch Risiken (z. B. Datenschutz) für CSR mit sich bringt.

Trotzdem bleibt die Akzeptanz uneinheitlich. Während große Unternehmen ihre Berichterstattungen ausbauen (z. B. gemäß der EU-Richtlinie 2014/95/EU, umgesetzt seit 2017), kämpfen KMU weiterhin mit der Umsetzung, oft wegen fehlender Ressourcen. Die Pandemie hat auch gezeigt, dass CSR nicht nur freiwillig, sondern zunehmend gesetzlich verankert wird, etwa durch das LkSG oder die EU-Vorschriften zu Konfliktmineralien. Kritisch betrachtet könnte dies jedoch zu einer Bürokratisierung führen, die den ursprünglichen ethischen Ansatz von CSR verwässert, wenn Unternehmen sich mehr auf Compliance als auf echte Nachhaltigkeit konzentrieren.

Aktueller Stand (März 2025)

Stand heute, am 14. März 2025, ist CSR in Deutschland ein etabliertes, aber noch nicht vollständig durchdrungenes Konzept. Die gesetzlichen Vorgaben wie das LkSG und die EU-Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD) haben CSR aus der Freiwilligkeit herausgeführt und verpflichten mittlerweile über 1.000 deutsche Unternehmen zu Berichten über nicht-finanzielle Themen. Die Bundesregierung fördert weiterhin Initiativen wie den Grünen Knopf oder den CSR-Self-Check, um insbesondere KMU zu unterstützen. Dennoch zeigt die Praxis – etwa durch Seminarteilnahmen mit hoher Ausfallquote – eine anhaltende Informationslücke. Nach der Pandemie hat sich CSR stärker auf Lieferketten, Digitalisierung und soziale Resilienz fokussiert, doch die Umsetzung variiert stark je nach Unternehmensgröße und Branche. Kritiker könnten argumentieren, dass die starke Regulierung den ursprünglichen Geist von CSR – freiwillige Verantwortung – untergräbt, während Befürworter sehen darin einen notwendigen Schritt zur globalen Nachhaltigkeit.

Insgesamt steht Deutschland an einem Wendepunkt: CSR ist kein Nischenkonzept mehr, sondern ein integraler Teil der Unternehmensstrategie, doch die Herausforderung bleibt, es flächendeckend und authentisch umzusetzen.

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